Zum Abendbrot Eistee und Fruchteis
"Anna Lena und die Schneemänner"
(aus: "Die Kinder aus der Schneemannstraße")
Anna Lena ist fünf Jahre alt und wohnt in der Schneemannstraße 7 im zweiten Stock. Heute holt sie der Opa vom Kindergarten am Hofweg ab. "Mama muss länger in der Buchhandlung bleiben, weil eine Kollegin krank geworden ist", sagt Opa. "Lass Mama ruhig Bücher verkaufen. Liest du mir nachher einen Geschichte vor?" "Klar, mach ich!" sagt der Opa. Er mag die Lesestunden mit Anna Lena. Und die Fragestunden. Denn Anna Lena ist ein neugieriges und phantasievolles Kind. Da geht es schon wieder los: "Opa, weißt du eigentlich, warum die Schneemannstraße so heißt?", fragt Anna Lena.
Opa überlegt einen Augenblick und sagt dann: Na ja, Oma und ich wohnen in der Webergasse. Die heißt so, weil da früher einmal Weber gewohnt haben. Vielleicht. . ."
". . . vielleicht heißt die Schneemannstraße so, weil da mal Schneemänner gewohnt haben?", ruft Anna Lena begeistert. "Könnte sein", sagt der Opa. "Aber wo?" Er bleibt stehen und sieht sich um.
"Dort hinter dem Spielplatz vielleicht? Oben auf dem kleinen Hügel hinter den Büschen, wo wir im letzten Jahr drei große Schneemänner gebaut haben?", überlegt Anna Lena. "Das ist ein guter Platz!", stimmt der Opa zu. "Die Aussicht ist schön, und es weht ein kühler Wind. Das mögen Schneemänner." "Wenn es nur endlich schneien würde!", sagt Anna Lena und schlurft durch das vertrocknete Laub am Wegrand, als sie weiter gehen. "Der Wetterbericht meldet leider Regen!", sagt Opa. "Kein Wetter für Schneemänner. Die mögen es am liebsten, wenn es so kalt ist wie am Nordpol."
"Dann können sie Schneeiglus bauen, wie die Eskimos!", ruft Anna Lena. "Und sie können jeden Tag ein neues Schneekleid anziehen und Eis essen, so viel sie wollen!" "Vor langer, langer Zeit, als die Schneemannstraße noch nicht Schneemannstraße hieß, und als hier noch keine Häuser standen und keine Kinder wohnten, war es bestimmt viel kälter." "Das war die Eiszeit", sagt Anna Lena. "Oder kurz danach", sagt der Opa. "Und wenn es dämmerig wurde, so wie jetzt, dann haben die Schneemänner ein Feuerchen angemacht und ihr Abendessen gekocht!" "Aber Opa! Doch kein Feuerchen!", ruft Anna Lena entsetzt. "Dann wären die Schneemänner doch geschmolzen. Sie haben zum Abendessen Eistee getrunken und Fruchteis gegessen. Und dann haben sie die anderen Schneemänner auf den anderen Hügeln der Stadt besucht. Sie haben getanzt und gespielt und Schneemannlieder gesungen Und sie haben Quatsch gemacht." "So wird es gewesen sein", brummt Opa.
"Gleich, wenn wir zu Hause sind, male ich dir ein Bild davon!", verspricht Anna Lena. "Wenn der Frühling kam und die Sonne wärmer schien, begannen sie allerdings zu schwitzen", spinnt der Opa die Geschichte weiter. "Sie zogen Hut und Schal aus und warfen die Besen weg. Das Wasser lief ihnen am Gesicht herunter, sie wurden kleiner und kleiner. Dann legten sie sich schlafen. Dort unter die Holunderhecken, wo immer die Schneeglöckchen blühen." "Und dann sind sie weggeschmolzen", murmelt Anna Lena traurig. "Aber sie sind nicht umsonst geschmolzen. Ihr Wasser ist in die Erde geflossen und hat die Schneeglöckchenzwiebeln aufgeweckt!", sagt der Opa.
Anna Lena hüpft vergnügt und ruft: "Dann haben die Schneeglöckchenzwiebeln das Schneemannwasser getrunken. Und danach sind aus den Schneeglöckchenzwiebeln Schneeglöckchen gewachsen." "Genau!", sagt Opa. "Und so sind aus den Schneemännern Schneeglöckchen geworden." "Das ist eine schöne Geschichte!", sagt Anna Lena. "Ich freue mich auf die ersten Schneemänner!" "Und ich freue mich schon drauf, wenn die Schneeglöckchen wieder blühen", sagt Opa. "Vorher freue ich mich aber noch auf Weihnachten!", sagt Anna Lena.
 
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